Ein Klischee nach dem anderen

Man dachte, dass Thilo Sarrazins Aussagen über Migranten in Deutschland an Kühnheit und volkstümlichem Chauvinismus (abgesehen von echten Nazis) nicht zu übertreffen seien, aber dann kam Spiegel TV, um den Hobby-Rassisten Sarrazin beiseite zu springen. Dem geneigten RTL-Publikum wurde ein Beitrag gezeigt, der wirklich keine Vorurteile gegenüber Ausländern ignorierte.

Berlins ehemaliger Finanzsenator (SPD) und jetziges Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin hat mit seinen kruden Äußerungen oft für Aufsehen gesorgt. Doch diesmal brach eine Rassenwut aus ihm heraus, die eher den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllt, als dass sie zur öffentlichen Belustigung genutzt werden könnte. In einem Gespräch mit der Zeitschrift „Lettre International“ äußerte er sich unter anderem wie folgt: „Jeder, der in unserem Land etwas kann und danach strebt, ist willkommen; der Rest sollte woanders hingehen. Für ihn sind insbesondere große Teile der arabischen und türkischen Einwanderer weder „integrationswillig“ noch „integrationsfähig“.

„Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Erziehung seiner Kinder nicht richtig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen hervorbringt.“ All dies führte zu seiner Forderung, die die NPD kaum besser hätte formulieren können: „Generell keine Zuwanderung mehr außer für Hochqualifizierte und perspektivisch keine Transferzahlungen für Zuwanderer.

Der Artikel!

Der Artikel des Spiegel TV, der sich offiziell mit der Frage beschäftigte, ob Sarrazins Äußerungen eine „unangenehme Wahrheit oder unerträglicher Rassismus“ seien, wird bereits mit Spott eingeleitet: „Die Liste seiner Vorwürfe war politisch so unkorrekt, dass sie die Dinge für die Weltverbesserer in unserem Land sehr schlecht machte! Schon mit dieser Aussage positioniert sich Spiegel TV klar, denn der Begriff „Weltverbesserer“ wird vor allem im rechtsextremen Lager verwendet und vor allem dann, wenn es darum geht, Menschen mit Mut zu diskreditieren, die sich gegen Rassismus engagieren. Wenn man in einer populären Suchmaschine nach genau diesem Begriff sucht, ist es kein Zufall, dass der erste Fund (laut Wikipedia) die Plattform „Politisch inkorrekt“ der Neuen Rechten ist. Mit „Deutschlandpolitik“ und „Geisteswelt“ befinden sich unter den ersten 10 Suchergebnissen 2 weitere Seiten, die man getrost in die Ecke zwischen Konservativen und Neonazis stellen kann.

Hauptthemen des Artikels: die abarbeiteten Klischees

 

1. Türken sind eine Last für den Staat und das Sozialversicherungssystem

Spiegel TV weiß: „Die Hälfte der Türken in Berlin lebt vom deutschen Staat. Hier noch einmal die Studie des renommierten Berlin-Instituts: „Das – relativ gesehen – beste Integrationsergebnis erzielen Türkischstämmige, wenn man die Abhängigkeit von öffentlichen Dienstleistungen vergleicht. Sie sind mit 16 Prozent doppelt so häufig auf Sozialleistungen angewiesen wie Einheimische, liegen aber im Mittelfeld im Vergleich zu anderen Zuwanderergruppen.

Studien widersprechen auch der Annahme, dass Migranten eine Belastung für die deutschen Sozialsysteme darstellen. So Rainer Geißler (Die Sozialstruktur Deutschlands, 3. Auflage 2002, Wiesbaden): „Die Gesamtberechnung – alle gezahlten Steuern und Versicherungsbeiträge vs. alle Leistungen von Staat und Versicherungen – zeigt, dass Arbeitsmigranten per Saldo keine Belastung, sondern ein Gewinn für die deutschen Steuerzahler und Beitragszahler sind: Die deutsche Bevölkerung wird demnach um ca. 400 DM pro Kopf und Jahr entlastet, was von der Höhe her in etwa dem Solidaritätszuschlag zur Einkommensteuer entspricht“.

Auch eine spanische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass „ohne Migranten das Pro-Kopf-Einkommen in der Euro-Zone von 1995 bis 2005 um 0,25 Prozent gesunken, durch Zuwanderung aber um 1,67 Prozent gestiegen wäre. In Deutschland waere der Rueckgang mit minus 1,52 Prozent besonders ausgepraegt gewesen“ (Berliner Zeitung).

2. keine Gleichheit unter den Muslimen.

Zitieren Sie Spiegel TV: „Wenn es um Gleichberechtigung geht, ist der Ehemann Lichtjahre von der deutschen Kultur entfernt. Dazu das Zitat des Ehemannes: „Sie darf ihren Senf geben und ich auch.“ Bislang scheint er aber einer Gesellschaft voraus zu sein, die sowohl das Ehegattensplitting als auch Eva Hermann hervorgebracht hat. Im Nachhinein erklärt er jedoch, dass er für den Fernseher, sie für die Waschmaschine und den Kühlschrank zuständig ist. Obwohl dies von einem überholten Rollenverständnis zeugt, dürfte dies in den meisten deutschen Familien der Normalzustand sein.

3. Ausländerinnen und Ausländer kennen die deutsche Sprache nicht und sind nicht  sie nicht lernen

Leider ein Deutschkurs für Frauen an der Volkshochschule in Neukölln, bei dem Spiegel TV recherchierte und herausfand, dass einige der Teilnehmerinnen einem Gespräch auf Deutsch noch nicht gewachsen waren.

4. nur fundamentalistische Muslime tragen Kopftücher

Es wird eine Hochzeit gezeigt, bei der die Frau verschleiert ist. Für Spiegel TV steht sie „ganz in der Tradition der fundamentalistischen Muslime“. Dass in der Tat nur die Tradition ein Motiv sein könnte, ohne eine Nähe zu muslimischen Fundamentalisten konstruieren zu müssen, die im Allgemeinen mit Attentätern in Verbindung gebracht werden, scheint die Vorstellungskraft der Autoren zu sprengen.

5. Ausländer wollen sich nicht assimilieren

Hauptzeugin ist eine junge türkische Frau, die nicht auf ihr Kopftuch verzichten will. Sie verweigert auch eine Arbeitsstelle, wenn sie dort ihr Kopftuch nicht tragen darf. Sie hat ein ganzes Jahr lang vergeblich nach einem Job gesucht. Da es nicht in Frage kommt, dass sie in einer öffentlichen Einrichtung, etwa einer Schule, arbeiten will, ist dieses Beispiel wohl eher geeignet für Rassismus auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) darf nach §1 AGG niemand wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität diskriminiert werden. Dies gilt für das Zivil- und Arbeitsrecht (Quelle).

Ergebnis: Sieben Vorurteile, alle äußerst vage, da eine wissenschaftliche Argumentation nicht möglich ist, mit denen das Spiegelfernsehen hier versucht, eine Tendenz zu machen. Erschreckend, was hier 1,74 Millionen (8,0 Prozent Marktanteil) Ferns

6. Ausländer (Jugendliche) sind Kriminelle

Nachdem eine typische Neuköllner Clique von ihren Gewalterfahrungen berichtet und ihre Messer präsentieren durfte, kommt eine Jugendrichterin des Landgerichts Tiergarten zu Wort. Laut Spiegel TV sind 80 Prozent der 400 Jugendlichen, die sie jedes Jahr verurteilt, Migranten. Eine erschreckende Zahl? Eher nicht. In ganz Berlin liegt der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund bei über 40 Prozent, in Tiergarten (dem großen Bezirk Mitte mit den Bezirken Mitte, Tiergarten und Wedding) dürfte der Anteil noch einmal deutlich höher liegen. 80 Prozent Täter mit einem geschätzten Anteil von über 50 Prozent bedeutet zwar immer noch, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund bei Straftaten überrepräsentiert sind, aber der Wert dieser Aussage ist gleich Null. Wichtiger wäre die Frage, wie hoch der Anteil verurteilter Jugendlicher ist, die aus sozial benachteiligten Familien stammen (siehe bpb zu Kriminalität mit Ausländern). Der Jugendgerichtsrichter zieht einfachere Erklärungsmuster vor und erzählt, wie ausländische Kinder in kriminellen Verhältnissen aufwachsen und wie ganze Familien „polizeiliche Ermittlungsverfahren zeigen“: Mutter, Vater und“ – Achtung nächstes Vorurteil – „zwischen 8 und 16 Kindern“.

7. Ausländische Kinder sind dumm und lernunwillig

Eine Berufsberaterin oder ein Berufsberater besucht eine 9. Klasse der Hauptschule, in der nur 3 von 10 Kindern anwesend sind; die Anwesenden stellen sich nicht unbedingt geschickt auf. Fazit: Dieser Teil des Artikels würde eher in einen Bericht über das Versagen des dreigliedrigen Schulsystems passen, der zeigt, wie Kinder aus benachteiligten Familien in Deutschland dabei sind, durch Bildung sozialen Aufschwung zu schaffen.

Spiegel TV erklärt dann, dass 75 Prozent der türkischstämmigen Berliner keinen Schulabschluss haben. Tatsächlich seien die türkischstämmigen Zuwanderer die Verlierer der gescheiterten Integrationspolitik der letzten 50 Jahre. Doch woher die Zahl von 75 Prozent kommt, weiß wohl nur Thilo Sarrazin. Nach einer Studie des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung vom 26. Januar 2009 (S. 36 ff.) haben 30 Prozent der türkischstämmigen Bürger keinen Bildungsabschluss.

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