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Hintergründiges
Mittwoch, 08. Juli 2009 um 12:02 Uhr

Ein Thema hat es in den letzten Jahren aus der wissenschaftlichen Fachwelt in die öffentliche Debatte geschafft und beschäftigt politisch Aktive wie Betroffene gleichermaßen. Die Rede ist von "Gentrifizierung".

 

Hinter diesem wissenschaftlichen Begriff, verbirgt sich eine Aufwertungstendenz bestimmter Stadtquartiere, die mit der Verdrängung der alteingesessenen Bewohner einhergeht. Vor allem innerstädtische Gebiete mit schlechter Wohnsubstanz und einem hohen Anteil von Menschen mit geringem Einkommen sind betroffen. Zuerst werden sie interessant für die Kreativen und Studierenden, die von den niedrigen Mieten angelockt werden. Später, nachdem die Quartiere durch Sanierungen aufgewertet wurden, folgen ihnen die Besserverdienenden und jungen Mittelstands-Familien. Dieser Prozess gilt in Berlin im Prenzlauer Berg und Friedrichshain als nahezu abgeschlossen und erfasst seit längerem Kreuzberg und nun auch Neukölln.

 

In einem Atemzug mit dem Thema Gentrifizierung wird häufig der Stadtsoziologe Andrej Holm genannt. Er, der sich seit Jahren kritisch mit dem Thema beschäftigt, gelangte durch seine wissenschaftliche Tätigkeit unschuldig ins Visier des Bundeskriminalamts, die ihm unterstellten, Bekennerschreiben der ’militante Gruppe (mg)’ verfasst zu haben, nur weil in diesen sowie in Holms Publikationen dieselben Begriffe, darunter ’Gentrifizierung’ zu finden waren (Artikel und Interview). Dieser skandalöse Fall, bei dem sich das Bundeskriminalamt vollends blamierte, trug jedoch zur Popularisierung des Themas und seinem Weg aus den Hörsälen in die politischen Diskussionsrunden und die öffentliche Debatte bei. Erstmals wurden der Begriff und die dahinter stehende Thematik somit einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Im Tagesspiegel hieß es hierzu: „In der Haft bekommt Holm viel Post, eine Freundin schreibt ihm: „Wenigstens weiß man jetzt, was Gentrifizierung ist.“ In der Folge begannen insbesondere politisch links geprägte Gruppen sich verstärkt der Thematik anzunehmen.

 

Seitdem kam es zu einer Vielzahl von Demonstrationen, Diskussionsveranstaltungen und konkreten Interventionen und auch bei dem Versuch der Massenbesetzung des Flughafens Tempelhof am 20. Juni handelte es sich keineswegs um eine linke Spaßveranstaltung. Vielmehr ging und geht es bei der Beschäftigung mit der zukünftigen Entwicklung Tempelhofs um einen Versuch, ein deutliches Zeichen gegen eine Entwicklung der Stadt zu setzen, die nicht an den Bedürfnissen der Bevölkerungsmehrheit ausgerichtet ist. Gefordert wird, die Flächen nicht Investoren sondern den Bürgern zur Verfügung zu stellen und diese auch im weiteren Planungsprozess entscheiden zu lassen.

 

Bleibt dies aus, könnte ein neuer Fall MediaSpree drohen: Hier hatten Stadtentwickler bei der geplanten Bebauung des Spreeufers in Friedrichshain-Kreuzberg die Belange der Bevölkerung völlig außer Acht gelassen. Erstmals entstand ausgehend von überwiegend linken Gruppen eine breite Bewegung, die sich gegen die Bauvorhaben und die Verdrängung kultureller Angebote am Spreeufer wendete. Nach einem erfolgreichen Bürgerentscheid im Juli 2008, steht die Politik nun vor einem Dilemma, denn auch die Investoren bestehen auf der Einhaltung der bereits geschlossenen Verträge. In einer seitdem existierenden Sonderarbeitsgruppe MediaSpree im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wird nun über jedes einzelne Bauvorhaben gerungen und nach Kompromissen gesucht, obwohl der Senat, besonders in Person von Stadtentwicklungssenatorin Junge-Reyer fortlaufend betont, die Investoreninteressen wahren zu wollen. Abzuwarten bleibt, ob die Drohung realisiert wird, dem Bezirk die Planungshoheit zu entziehen, sollten die Kompromisse zu sehr zu Lasten der Investoren verlaufen. Hier gilt es den politischen Druck so hoch zu halten, dass eine derartige Missachtung des Bürgerentscheids politisch nicht durchsetzbar ist,

 

Anders als bei MediaSpreee beginnt der Planungsprozess für Tempelhof jedoch gerade erst: beste Voraussetzungen also für eine erfolgreiche Intervention, bei der sich politisch Engagierte mit den betroffenen AnwohnerInnen gemeinsam für eine sozialverträgliche Entwicklung einsetzen, um zu verhindern, dass auch aus dieser innerstädtischen Lage sozial benachteiligte BewohnerInnen verdrängt werden.

 

Initiativen, die sich mit dem Thema Gentrifizierung beschäftigen:

 

Bündnis Tempelhof für alle: http://tfa.blogsport.de/;  Squat Tempelhof: http://tempelhof.blogsport.de/

MediaSpree versenken: http://www.ms-versenken.org/; Seite zur Demo am 11.Juli: http://www.megaspree.de/news

Mietenstopp-Bündnis: http://mietenstopp.blogsport.de/

Hamburger Bündnis "Es regnet Kaviar": http://esregnetkaviar.de/

 

Lesenswertes zum Thema

Gentrification-Blog von Andrej Holm:

http://gentrificationblog.wordpress.com/


Videos

Video zum Thema Gentrifizierung

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Video zum Fall von Andrej Holm

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