| Krawall-Journalismus |
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| Mediales |
| Dienstag, 03. November 2009 um 19:40 Uhr |
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Wie der Blog http://fussball-lebt.de/ berichtet, hat das Deutsche Sport Fernsehen die gestrige Partie der 2. Fußball-Bundesliga zwischen Hansa Rostock und dem FC St. Pauli via Twitter folgenderweise angekündigt.
Die Absurdität der Medienlandschaft, insbesondere der Privaten wird hier überaus sichtbar. Mit der Ankündigung vermeintlicher Krawalle sollen Zuschauer gelockt werden, und kommt es tatsächlich zu unschönen Szenen, folgt im Anschluss die große Betroffenheits-Berichterstattung. Damit bedient sich der private Sender derselben journalistischen Ungepflogenheit wie sie die BILD typischerweise betreibt. Diese heizte schon einige Tage im Voraus die Stimmung an. „Wie sicher ist das Krawall-Derby?“ hieß es beispielsweise in der Hamburger BILD. Dazu wurden tagelang über Spieler (der dunkelhäutige Morike Sako: "Ich weiß, dass ich wieder beleidigt werde"), Trainer und Präsident ("Wenn Rostock gegen uns verliert, brennt die ganze Stadt") die schlimmsten Vermutungen geäußert. Nachdem nun St. Pauli-Fans Leuchtraketen auf Hansa-Anhänger schossen, einer ihrer Spieler mit unsportlichen Gesten die Zuschauer provozierte und die Rostocker sich wiederum mit der Polizei duellierten, spricht BILD nun von einer „traurigen Bilanz“.
Dieses Jahr also 23 Verhaftungen und 27 leicht Verletzte – für DSF und BILD wahrscheinlich genug, um das nächste Duell wieder “anzufeuern“. Denn klar ist: Diese Art des Krawall-Journalismus ist vor allem nützlich zur Steigerung der Auflagenzahlen bzw. Einschaltquoten und damit der Werbeeinnahmen. Außerhalb der Marketingabteilungen der Medien-Konzerne ist diese Berichterstattung allerdings kontraproduktiv. Auf beiden Seiten werden dadurch Leute angezogen, die normalerweise nichts mit den Vereinen zu tun haben, entweder durch die einfache mediale Zuschreibung der politischen Ausrichtung (Rostock=rechts; St-Pauli=links) oder der Aussicht eine Plattform für ihre eigenen Gewaltausbrüche zu finden. Bei den eingefleischten Fans, denen auch das Image ihrer Vereine am Herzen liegt, steigert sich zudem die Aggressivität gegenüber den Medienvertretern selbst. Beim gestrigen Duell wurde ein Journalist von SPIEGEL TV von einem bekannten St- Pauli-Fan angegriffen und als „sensationsgeilen Bastard“ beschimpft.
Seriöser Journalismus, der sich nüchtern mit den Fakten und den Entwicklungen in beiden Fanlagern auseinandersetzt und auf gespielte Aufregung verzichtet, könnte hingegen zu einer positiven Entwicklung innerhalb der Fanszenen beitragen. Dass es diese gibt, zeigt folgender noch unveröffentlichter Beitrag anlässlich des letzten Aufeinandertreffens beider Vereine, an dem sich das DSF heute noch ergötzt. Er zeigt auf, dass gerade die pauschale Zuschreibung politischer Ausrichtungen einer Prüfung nicht standhält.
Kein Fußball für Rassisten
7. März 2009: Der Hamburger FC St. Pauli empfängt den FC Hansa Rostock zum Rückrundenspiel der 2. Bundesliga. Die Situation scheint eindeutig: Die antifaschistischen Fans des linken Vorzeigeclubs St. Pauli gegen die rechten Problemfans von der Ostsee. Tagelang vorher wird im Internet gehetzt, kursieren Gewaltaufrufe; in Hamburg spricht man von einem zu erwartenden Nazi-Aufmarsch und mobilisiert die linke Szene, in Rostock kokettiert man damit, den Kiez zu übernehmen und mit bis zu 5000 Fans (bei 1500 Gästekarten) anzureisen.
Wie spielt es sich für Rassisten? Mit dem Plakat ’Wie spielt es sich für Rassisten?’ begrüßen St. Paulianer Zuschauer die Rostocker Spieler schon beim Warmmachen, müssen im Anschluss aber überrascht zur Kenntnis nehmen, dass weder rassistische noch antisemitische oder homophobe Sprechchöre aus dem Rostocker Fanblock zu vernehmen sind. Dass die Medien das Zünden von Feuerwerkskörpern und das brutale Agieren der Polizei mit viel Wasserwerfereinsatz gegen beide Lager im Anschluss zu heftigen, politisch aufgeladenen Krawallen umdichten, ändert nichts an der Realität: Durch jahrelanges Engagement innerhalb der Fanszene ist es in Rostock gelungen, den sozialen Druck auf rechte Fans, die Mitte der 90er Jahre noch nahezu ungestört agieren konnten, deutlich zu erhöhen und deren offenes In-Erscheinung-treten weitgehend zu unterbinden.
St. Pauli hingegen ist schon lange Vorbild im Kampf gegen Nazis im Stadion. Vom Verein geförderte sozialpädagogische Fanarbeit, die in Rostock erst seit einem Jahr besteht, gibt es bei St. Pauli schon bald zwei Jahrzehnte. Im Stadion zeugen ein Gedenkstein für die Opfer der Nazizeit und eine Bande mit der Aufschrift ’Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen‘ vom Engagement. Paulifans begleiten Flüchtlinge ins Stadion, um sie aus ihrer gesellschaftlichen Isolation zu holen, agieren aber auch außerhalb des Stadions, z.B. beim Kampf gegen Naziläden oder -demonstrationen.
80er Jahre: ’Endsieg’ und ’Zyklon B’ Nach jahrelangem Ignorieren des Rassismus-Problems im deutschen Fußball und dem viel zu späten Eingreifen des Deutschen Fußball-Bundes kann es immerhin als Erfolg bezeichnet werden, dass Fanclubnamen wie ’Endsieg’ oder ’Zyklon B’ und offensichtliche Agitationen rechtsextremer Gruppierungen gerade in den oberen Ligen der Vergangenheit angehören. Vereine, die negativ auffallen, müssen inzwischen mit empfindlichen Strafen bis hin zum Zwangsabstieg rechnen. Der Druck ist gewachsen, weshalb Totschweigen und Relativieren nicht mehr die einzigen Reaktionen auf rechte Vorfälle sind und Antirassismuspassagen in Satzungen und Stadionordnungen Einzug halten. Sieben Bundesligisten haben das Tragen von Kleidungsmarken wie etwa „Thor Steinar“, die der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind, verboten.
Unterhalb der zweiten Liga häufen sich jedoch die Probleme. Die Öffentlichkeit schwindet, Fanarbeit wird kaum betrieben und auch die Sicherheitsmaßnahmen sind wenig ausgeprägt. Hier finden rassistische Vorfälle weit häufiger statt, meist von der Öffentlichkeit unbemerkt. Aber auch abseits der Fanblöcke ringen Nazis um Einfluss. Sie versuchen, Vereine zu unterwandern, gründen eigene Vereine und veranstalten so genannte „nationale“ Fußballturniere.
Fans aktiv Das Umdenken in Verbänden und Vereinen ist wichtig, entscheidend bleibt aber die Selbstregulierung innerhalb der Fanszenen. Rassistische Verhaltensweisen dürfen nicht geduldet werden, und wenn, wie in Rostock, im Vorfeld der Partie die aktive Fanszene dazu aufruft, ’auf Politik im Stadion zu verzichten’, ist das zwar kein antifaschistisches Paradestück, jedoch angesichts der schwierigen Ausgangsbedingungen ein Erfolg der linken Hansa-Fans und ein Zeichen, dass Nazis nicht toleriert werden. |









Kommentare
Banner der Ultras im Ostseestadion gegen Pauli: "Scheiß auf Politik-wir hassen auch aus Prinzip!"
Alles für den FCH
1. Pauli-Trainer Stanislawski hat auf der Pressekonferenz nach dem Spiel sein angebliches Zitat ("Wenn Rostock verliert, brennt die Stadt") abgestritten und darauf verwiesen, dass man ja weiß, was die Medien aus solchen Interviesw machen...
2. Bei dem angeblichen Angriff auf den Spiegel TV Reporter scheint es sich darum zu handeln, was in diesem Video ab min 1.58 zu sehen ist: http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,658866,00.html Tatsächlich ist das wohl eher eine aggresive Geste, als ein tatsächlicher Angriff. Scheint Spiegel Online/TV aber gut ins Bild zu passen...