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David gegen Goliath: Arzneimittelprüfer verliert gegen die Pharmaindustrie PDF Drucken E-Mail
Manipulatives
Donnerstag, 28. Januar 2010 um 10:43 Uhr

 David gegen die Pharma-Lobby

Über den Mann, der versuchte, die Patienten vor überteuerten, unnötigen oder gar schädlichen Medikamenten zu schützen, und dafür auf Druck von Pharmaindustrie und schwarz-gelber Regierung entlassen wird.

 

Peter Sawicki ist Leiter des unabhängigen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), das damals noch vom SPD-geführten Gesundheitsministerium geschaffen wurde, um im Auftrag von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken zu untersuchen, ob neue Medikamente im Vergleich zu alten Präparaten besser und billiger sind. Fällt das Ergebnis negativ aus, erstatten die Krankenkasse die Präparate nicht mehr oder nur noch bis zu dem Preis, der auf dem Niveau vergleichbarer Präparate liegt. Für die jeweiligen Hersteller können diese Entscheidungen den erwarteten Gewinn kräftig schmälern. Das bekam z.B. Sanofi-Aventis (drittgrößter Pharmakonzern weltweit) zu spüren, dessen Aktienkurse rapide fielen, als eine Untersuchung vom IQWiG ein erhöhtes Krebsrisiko beim Analog-Insulin-Präparat Lantus feststellte. Das kostete den Konzern acht Milliarden Euro. Ein nächster Coup gelang dem Institut im November. Das Antidepressionsmittel Reboxetin des Pharmariesen Pfizer stellte sich in einer Studie als wirkungslos heraus. Zudem hielt Pfizer anscheinend negative Studienergebnisse zurück, um der Marktfähigkeit seines Mittels nicht zu schaden.

 

Dieses Vorgehen ist kein Einzelfall: Verlässliche Studiendaten gibt es in den Konzernunterlagen nur selten. 97 Prozent der positiven Ergebnisse werden der Öffentlichkeit vorgeführt, aber nur 12 Prozent der negativen. Das will das IQWiG ändern – und allen voran sein Leiter Peter Sawicki. Kein Wunder also, dass er nach eigener Aussage der Pharmaindustrie ein Dorn im Auge ist.

 

Sawickis Vorstellung eines solidarischen Gesundheitssystems dürfte sich von denen der FDP mit ihrem Gesundheitsminister Rösler gründlich unterscheiden, wenn er in einem Interview sagt: „Jeder muss zu jeder Zeit Hilfe in Anspruch nehmen können. Wenn ich vor einen Baum fahre, darf der Sanitäter nicht zuerst nach meiner Kreditkarte suchen. Gesundheit kann ich mir nicht kaufen wie Schuhe. Sie ist mein Grundrecht.“

 

 

Der Lobby in und außerhalb der Bundesregierung ein Dorn im Auge

 

Seit die neue schwarz-gelbe Bundesregierung das Zepter übernommen hat, erhöhte sich für Sawicki der Druck, den die Pharma-Lobby schon lange ausübt, weiter. Zu ihren Strategien gehört u.a. die Zermürbungstaktik des ständigen Prozessierens gegen das IQWiG und ihren Chef. Dass dieser seine Verfahren allesamt gewinnt, erst kürzlich gegen Sanofi-Aventis und Lilly (neuntgrößter Pharmakonzern der Welt), schreckt die Lobby nicht vor neuen Klagen ab.

 

Eine andere Strategie ist subtilerer Natur. Da wird Sawicki schon mal aufs Firmengelände eingeladen, um ihm anstelle des Labors die vielen Mitarbeiter, die alle Familie haben, vorzuführen. Der Druck auf mich und auf das Parlament läuft über die Arbeitsplätze – wie immer.“ Einschüchtern lässt er sich davon aber nicht. Als Sanofi Aventis dieses Druckmittel anwandte, um sein Präparat Lantus vor einem negativen Prüfbericht zu bewahren, veröffentlichte Sawicki diese trotzdem.

 

Die Strategien gegen seine Person werden von der Pharma-Lobby ergänzt durch politischen Druck. Ganz in ihrem Sinne beschloss die Wirtschaftsministerkonferenz im Juni 2009: „Außerdem wird sie [die Methodik des IQWiG – Anmerk. BP] weder dem Ziel einer effizienten Versorgung mit innovativen Arzneimitteln gerecht noch ist sie volkswirtschaftlich hinnehmbar.“ (WMK  S. 39-41) Damit drückte sie ihre Sorge aus, nach der die Arbeit des IQWiG zu "erheblicher Verunsicherung der pharmazeutischen Industrie geführt" habe. Im Ergebnis heißt das: Das IQWiG soll in Zukunft die Schädlichkeit eines Medikaments an den zu erwartenden Arbeitslosenzahlen messen. Die damalige WMK bestand bis auf wenige Ausnahmen aus FDP- und CDU-Ministern – darunter auch Philipp Rösler.

 

 

Den Vorwand selbst geliefert

 

Nun hat der IGWiG-Vorstand, in dem das Gesundheitsministerium ein Veto-Recht genießt, beschlossen, den Ende August dieses Jahres auslaufenden Vertrag mit Sawicki nicht zu verlängern. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung steht eine Ablösung sogar unmittelbar bevor. Pech für Sawicki, dass er den vorgeschobenen Grund für seinen Rausschmiss selbst lieferte. Er rechnete Benzinkosten von Privatfahrten und sogar Benzin für seinen privaten Rasenmäher ab. Das sind öffentlich besser vermittelbare Gründe für seine Entlassung als seine unabhängige Arbeitsweise. Für diese lobten ihn das gesamte Institut sowie allerlei Oppositionspolitiker und kämpften für seinen Verbleib auf dieser Position.

Doch für den schonungslosen Umgang mit solcherlei Fehltritten ist Schwarz-Gelb ja bekannt. Wolfgang Schäuble, der sich an eine 100 000 DM-Spende nicht mehr erinnern konnte, wurde ebenfalls hart bestraft. Er sitzt jetzt auf dem unbequemen Posten des Bundesfinanzministers.

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