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Hintergründiges
Montag, 18. Januar 2010 um 20:03 Uhr

Dresdner Zeughaus mit Projektion gegen Krieg und Faschismus.

 

Gerne beschäftigen wir uns bei Bleib passiv mit Strategien, Gefahren und allerlei Machenschaften, die nicht offen zutage, sondern im Verborgenen liegen. Doch es gibt auch Ereignisse und Tatsachen, die so offensichtlich einer Betrachtung und eines Aktiv-Werdens bedürfen, dass wir nicht an ihnen vorbei kommen. Europas (vermutlich auch darüber hinaus) größter Nazi-Aufmarsch, der diesen Februar zum wiederholten Male in Dresden stattfinden soll, gehört dazu.

 

Einige Jahre zogen die Nazis fast unbeachtet von den Dresdnerinnen und Dresdnern sowie einer breiteren Öffentlichkeit, durch die Stadt, deren Bombardierung im Zweiten Weltkrieg sie als Anlass für ihren Aufzug benutzen. Erst in den letzten Jahren begann sich der Gegenprotest allmählich zu formieren. Fehlte jedoch 2009 noch der entschiedene, allseitige Willen, den Aufmarsch der 7.000 Nazis zu blockieren (siehe Aktionen A-Z: B wie Blockade), soll dieses Jahr dem Spuk ein frühzeitiges Ende bereitet werden. In breiten Bündnissen laufen die Vorbereitungen seit Monaten, Massen-Blockadekonzepte sind ausgearbeitet, Busse aus etlichen Städten stehen bereit.

 

 

Die Hintergründe

 

Dresden, 13. Februar 1945. Symbolisch stehen Ort und Datum heute für die Heimkehr des vom faschistischen Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieges an seinen Ausgangspunkt. Zwar war Dresden nicht die erste Stadt, die das Ziel der britischen Luftwaffe wurde, doch waren hier die Zerstörung und die Opferzahlen besonders groß.

 

Die Strategie, wichtige Einrichtungen des Gegners zu beschädigen und den Widerstand der Bevölkerung durch flächendeckendes Bombardement zu brechen, geht zurück auf die deutsche Luftwaffe, die ab 7. September 1940 ihre Luftangriffe auf Londoner Wohnviertel ausweitete und am 14. November 1940 das englische Coventry in Grund und Boden bombte. Später wurde die Strategie von Reichspropagandaminister Goebbels zynisch als „coventrieren“ bezeichnet. Mit dem Angriff der britischen Luftwaffe auf Dresden richtete sich dieselbe Taktik nun also auch gegen die deutsche Zivilbevölkerung.

 

Den Nazis damals und heute gilt Dresden als Möglichkeit, deutsche Schuld zu relativieren. Sie sprechen von „Bombenholocaust“ und „Völkermord“ und versuchen dadurch, die Schrecken von Auschwitz mit Dresden aufzuwiegen. Doch es sind nicht sie allein, die den „Mythos Dresden“ erschaffen: Bis in die so genannte Mitte der Gesellschaft hinein werden abstrus hohe Opferzahlen ebenso vertreten, wie die Mär der vollkommen kriegsirrelevanten Kulturstadt, die über keinerlei Luftabwehr verfügte.

Festzuhalten bleibt: Die umkämpfte Front befand sich zum Zeitpunkt des Angriffs lediglich 100 Kilometer entfernt von Dresden und die Wehrmacht konnte ihren Nachschub nur aus dem Westen erhalten (Quelle). Dresden besaß entgegen aller Behauptungen kriegswichtige Verkehrs- und Industrieanlagen. Der britische Historiker Frederick Taylor weist in seinem Buch „Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945“ nach, dass Dresden ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt war, der im Herbst 1944 täglich von durchschnittlich 28 Militärzügen, die 2.0000 Soldaten transportierten, passiert wurde. Dazu waren die meisten Dresdner Industriebetriebe, die zuvor Konsumgüter oder Luxusartikel hergestellt hatten, bis 1944 auf Rüstungsproduktion umgestellt. Hinzu kommt die moralische Schuld: Anfang der 1930er Jahre war Dresden nach Breslau die Stadt mit den meisten NSDAP-Mitgliedern und auch bei den Reichtagswahlen 1932 war die Stadt mit 41,2 Prozent der abgegebenen Stimmen eine NSDAP-Hochburg. Nichtsdestotrotz: Der Angriff auf Dresden war eine Tragödie und kostete Tausende von Zivilisten das Leben.

 

 

Manipulation durch die Nazis

 

Aus diesen schrecklichen Ereignissen versuchen nun die Nazis der Gegenwart Kapital zu schlagen. Dafür werden die Opferzahlen nach oben manipuliert und der Mythos entgegen aller Fakten weiter geschürt. Die zu diesem Zweck ins Spiel gebrachten Opferzahlen von so genannten Historikern und tatsächlichen Revanchisten gehen in die Hunderttausende. Tatsächlich kam eine 2005 von der Stadt Dresden eingesetzte Historikerkommission unter der Leitung von Rolf-Dieter Müller zu dem Ergebnis, dass von einer Mindestzahl von 18.000 und eine Höchstzahl von 25.000 durch die Luftangriffe getöteter Menschen ausgegangen werden muss.

 

Der jährliche „Trauerzug“ der Nazis gibt vor, dieser Opfer zu gedenken. Dabei geht es ihnen aber nicht um das Leid unschuldiger Zivilisten, sondern ausschließlich um die Herkunft der Opfer, um ihre Zugehörigkeit zur „deutschen Rasse“. Doch weitaus wichtiger als das ist die Strategie dahinter: Der Versuch, Dresden zu einem der, wenn nicht dem, größten Verbrechen des Zweiten Weltkrieges zu stilisieren, ist gleichzeitig der Versuch, die Verbrechen des deutschen Faschismus zu verleugnen. Denn diese historische Last ist das größte Hindernis für die NPD und andere rechtsextreme Organisationen, um eine breitere Akzeptanz und Öffentlichkeit in der Bundrepublik zu erlangen. Es geht den Nazis weniger um einen späten Sieg im Kampf um die Deutungshoheit der NS-Vergangenheit als um die Perspektive wieder an Macht zu gewinnen.

 

Logo von No pasarán.

 

 

Die jährliche Demonstration

 

Als einen ersten Schritt in diese Richtung sehen die Nazis das Machtgefühl, das von einer großen Demonstration ausgeht. Seit der Jahrtausendwende hat sich in Dresden im zeitlichen Umfeld des 13./14. Februar die größte regelmäßige Neonaziveranstaltung Europas entwickelt. Organisiert wird der Aufmarsch von der Jungen Landsmannschaft Ostdeutschlands, die auf ihrer Website großspurig ankündigt: „Wir kümmern uns um Ost!-Deutschland: also Pommern, Ostpreußen, Schlesien und das Sudetenland ...“ Schon daran erkennt man die revanchistische Grundausrichtung der JLO und bei einem Blick auf die Teilnehmer und Redner der letzten Jahre wird deutlich, dass hinter dem eher harmlosen Namen eine eindeutig im neo-faschistischen Spektrum anzusiedelnde Gruppe steckt. Letztes Jahr sprachen bspw. der Ritterkreuzträger Hajo Hermann, einer der höchstdekorierten Alt-Nazis der deutschen Wehrmacht, Holger Apfel, NPD-Fraktionsvorsitzender im Sächsischen Landtag, und ein Vertreter der spanischen  neofaschistischen Partei "Alianza Nacional".

 

Beteiligten sich im Jahr 2000 noch etwa 500 Personen an einem nächtlichen „Trauermarsch“ unter dem Motto „Ehre den Opfern des Bombenterrors“, katapultierte der 60. Jahrestag der Bombardierung den Aufmarsch in eine neue Größenordnung. Bis zu 6.500 Nazis zogen 2005 durch die Stadt. Seitdem ist es ihnen gelungen dieses Niveau zu halten und im letzten Jahr sogar noch einmal leicht auf ca. 7.000  Teilnehmer auszubauen. Damit hat die Demonstration eine Größenordnung erreicht, der die Polizei, die jedes Jahr mit einem Großaufgebot vor Ort ist, längst nicht mehr gewachsen ist. Auf eine Anfrage bezüglich der spärlichen Begleitung der Nazidemo durch die Polizei antwortete die Staatsregierung:

 

„In Teilbereichen wurde aus Gründen einer absehbaren Eskalation im Rahmen des Ermessens auf ein unmittelbares Einwirken auf die Versammlungsteilnehmer verzichtet.“

 

Übersetzt heißt das: Aus Angst um die eigene Sicherheit haben sich die Ordnungshüter von den Nazis ferngehalten und aufgegeben, Auflagenverletzung und Gesetzesverstöße zu ahnden. Stattdessen wurde sich ausschließlich darauf konzentriert, die Gegendemonstranten auf Abstand zu halten. An der Demonstration des neu gegründeten, bundesweiten Antifa-Bündnisses „No Pasarán!“ nahmen derweil letztes Jahr ca. 4.000 Personen teil, während sich ca. 8.000 Menschen am zivilgesellschaftlichen „Geh Denken“ beteiligten.

 

 

Dresden 2010

 

Motiviert durch positive Beispiele aus Köln („Anti-Islamisierungskongress“), Jena („Fest der Völker“) oder beim verhinderten NPD-Aufzug am 8. Mai 2005 in Berlin streben die Organisatoren der Proteste eine Massenblockade an. Dabei sind sich die Organisatoren darüber im Klaren, dass eine bloße Gegenkundgebung fernab der Nazidemonstration nicht ausreichend ist. Die Nazis sollen demnach schon am Loslaufen gehindert werden, in dem der Ort der Auftaktkundgebung (Hauptbahnhof) von allen Seiten blockiert wird. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, ist es wichtig, möglichst viele zivilgesellschaftliche Akteure mit ins Boot zu holen und einen maximal breiten Protest zu organisieren. Ein Bürgerbündnis um die großspurig redende, aber wenig engagierte Oberbürgermeisterin plant derweil eine Menschenkette um die Innenstadt, die hingegen eine eher ungeeignete Maßnahme darstellt, weil der Naziaufmarsch dadurch nicht verhindert, sondern lediglich von der wohlsituierten, gutbürgerlichen Altstadt ferngehalten werden soll. Dagegen gibt es aber auch eine sehr engagierte Bürgerinitiative, die sich bei Verbänden und den sturköpfig-verknöcherten Behörden für einen „Protest in Hör- und Sichtweite“ einsetzt. Somit bleibt zu hoffen, dass sich die Mehrheit der Bürger und hoffentlich auch eine steigende Zahl von Dresdnern dafür entscheidet, den Aufmarsch direkt zu blockieren.


Nur so besteht die Möglichkeit, effektiv gegen das Jahrestreffen deutscher und internationaler Neonazis zu protestieren. Möglich machen das auch Dutzende Busse, die aus dem gesamten Bundesgebiet an diesem Tag nach Dresden fahren werden.

 

Wir rufen dazu auf: Stellt Euch den Nazis in den Weg! Denn Blockieren ist nicht nur unser Recht, sondern in diesem Fall auch unsere Pflicht.

 

Informationen zu den Bündnissen gegen den Aufmarsch der Rechtsextremisten in Dresden können unter: www.dresden-nazifrei.de, http://www.no-pasaran.mobi, http://www.dresden1302.de/ und beim Oberbürgermeisterin-Bündnis http://www.13februar.dresden.de/ nachgelesen werden.

 

Auf www.dresden-nazifrei.de gibt es eine Übersicht der Busse, die am 13. Februar 2010 nach Dresden fahren.

 

UPDATE: Die Seite ist ist nun unter www.desden-nazifrei.com zu erreichen (siehe unten)

 

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Blockaden sind unser Recht!

 

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ZDF-Doku „Neue braune Welle. Die Jugend im Visier der Rechtsextremen“

 

Nach diesem Artikel seid ihr hoffentlich fit für das Dresden-Blockade-Quiz...

 

UPDATE: Die neuesten Entwicklungen haben einen 2. Teil dieses Artikels notwendig gemacht. Lest wie der Rechtsstaat legitimen Protest kriminalisiert, wie die Gleichsetzung von Links und Rechts immer weiter getrieben und wie sich dagegen gewehrt wird. Klick

Kommentare

avatar Alle nach Dresden
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Das Hauptproblem in Dresden sind Stadtverwaltung, -politik und Landespolitik. Durch deren mangelndes Problembewussts ein konnte Europas größter Nazi-Aufmarsch überhaupt erst entstehen. Der sächsische Innenminister zeigte erst kürzlich, welche Geistes Kind er ist und sagte:

"Die Stadt gehört den Bürgern. Wir lassen es nicht zu, dass dieser Tag von Extremisten und Neonazis missbraucht wird"
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