Bereits vor mehreren Wochen wiesen wir in unserer Randrubrik »Schwarz auf Weiß« auf einen Bericht der Süddeutschen Zeitung hin, der die verlagsknechtenden Methoden der marktführenden deutschen Buchhandelskette (und zweitgrößten Online-Buchhandlung) Thalia beleuchtete, mit denen das Unternehmen den Buchhandel zerstört. Da mag es kaum verwundern, dass der Thalia-Konzern seine marktradikale Knebelpolitik nicht nur nach außen, sondern offenbar auch nach innen gegen die eigenen Mitarbeiter richtet. Aus einem internen Schulungsdokument für Mitarbeiter, das Bleib-passiv.de vorliegt, wird deutlich, welchem Druck die Thalia-Angestellten ausgesetzt werden, um immer höhere Verkaufszahlen zu realisieren. Für das unstillbare Profitinteresse der Douglas-Tochter Thalia werden einst gestandene Buchfachverkäuferinnen und –verkäufer statt zu sachkundiger Beratung zu einem maschinellen Marktschreiertum angehalten. Dabei werden auch Spielchen mit den Kundinnen und Kunden betrieben, um ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Wie befinden uns im Jahre 2010 n. Chr. Die ganze Parteienlandschaft ist von Bestechlichkeits-vorwürfen durchsetzt, weil sie sich ihre Parteitage sponsern lassen, Fototermine und Sprechzeiten mit Ministerpräsidenten verkaufen oder Gesetze verabschieden, deren Profiteure zuvor horrende Parteispenden abgedrückt haben. Daher versuchen alle politischen Organisationen den Verdacht der Käuflichkeit weit von sich zu schieben und ihre Unbestechlichkeit und Unabhängigkeit zu betonen.
Alle politischen Organisationen? Nein! Eine von konservativen Karrieristen bevölkerte bundesweite Polit-Kadertruppe zerrt am Rockzipfel der Wirtschaft, weil sie Angst vor Alternativen zum ausbeuterisch-krisenhaften Kapitalismus hat. Die Rede ist vom Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS), dem Universitätsverband der CDU/CSU. Hier wird die Fahne der Freiheit, der Einigkeit mit demMeistbietenden noch hochgehalten.
In Berlin Lichtenberg wollen engagierte und leidenschaftliche Konsumenten den Bezirk mittels eines Bürgerentscheids dazu zwingen, den Bau eines riesigen Supermarktes einer großen Kette zu genehmigen. Am 21. März sind nun alle Bürgerinnen und Bürger des Stadtteils aufgerufen den letzten umliegenden Einzelhändlern den endgültigen Todesstoß zu verpassen und das ungehemmte Shoppen und die Konzern-Profite zu ermöglichen – wenn das mal keine Demokratie ist. Verstehen muss die Geiz-ist-geil-ich-kauf-mich-doof-Fraktion nur noch diesen Satz, den es mit Ja oder Nein zu beantworten gilt: „Stimmen Sie für das Ersuchen an das Bezirksamt, in Abänderung der bisherigen Beschlusslage, das eingeleitete Verfahren zur Aufstellung des Bebauungsplans 11-43 nicht fortzuführen, durch welches die Ansiedlung eines Globus-SB-Warenhauses an der Landsberger Allee 360/362 verhindert wird.“ Wir sind gespannt auf die Diskussion, welche Antwort die richtige ist, um den Konsumtempel zu verhindern!
Nichts liegt uns ferner als auf dieser Seite Werbung für Mc Dick & Doof zu machen, doch folgender Werbespot kann nicht unkommentiert bleiben. Darin wirbt der unersättliche Global Player mit dem Hang zur weltweiten Verschlechterung der Essgewohnheiten um neue Mitarbeiter. Das ist wahrscheinlich billiger als anständige Löhne zu zahlen. Der Höhepunkt jedoch ist folgender Beitrag einer älteren Dame:
"Mit 65 WIEDER arbeiten und das bei MC Donald's? Aber es macht mir sooo vieel Spaß..."
Die Botschaft der Kampagne, die ähnlich bereits 2006 in Großbritannien lief: Das ach so freundliche Familienunternehmen hat ein riesiges Herz für die ganze Familie und bietet derart gute Arbeitsbedingungen, dass auch erfahrene Arbeitnehmer zufrieden sind.
Die Wahrheit: Die zunehmende Altersarmut in Deutschland zwingt schon heute viele ältere Menschen dazu, sich neben der Rente etwas hinzuverdienen zu müssen. Schwarz-Gelb-Rot-Grün machen's möglich - die Industrie freut sich öffentlich. Diese Werbung ist noch geschmackloser als der angebotene Fraß. Wer hätte gedacht, dass das überhaupt möglich ist...
Adobe Flash Player nicht installiert oder älter als 9.0.115!
Mit diesem Artikel möchten wir euch eigentlich nur auf zwei Meldungen aufmerksam machen, deren Originallektüre wir unbedingt empfehlen. Eigentlich haben wir für lesenswerte Artikel ja unsere Rubrik »Schwarz auf Weiß«, aber diese beiden Meldungen zeichnen auf Grund der krassen Gegensätzlichkeit ihrer Inhalte und dem dennoch unmittelbar aufeinander folgenden Erscheinen ein so deutliches Bild von dem grundlegenden Widerspruch und Anachronismus unserer Zeit, dass wir sie hier kurz vorstellen wollen.
Die Personalabteilung der Investmentbank Morgan Stanley gilt als gnadenlos, härter als die Tür des Berghain. Nur durch die exklusive Auslese, die die Besten unter den Besten herausfiltert, ist es möglich die Qualität und den Ruf des Weltunternehmens zu verteidigen. Eine tadellose Vita und ein ausgefeiltes Bewerbungsschreiben sind unverzichtbar, um die Chance auf eine Stelle zu erhalten. Bleib passiv dokumentiert an dieser Stelle eine erfolgreiche Bewerbung.
»Achtung achtung, eine Durchsage. Werte Fahr..., ähm..., hey Günni, sollen wir eigentlich trotzdem ›Fahrgäste‹ sagen?«
Tja, unter normalen Umständen würden wir natürlich davon absehen, uns heute ebenfalls vielsilbig über das Totalversagen der S-Bahn Berlin GmbH zu äußern. Zumal wir bereits einen Artikel zu den Hintergründen der ersten Ereignisse veröffentlicht haben, aber auch weil die jüngsten Vorfälle heute ohnehin in den Zeitungen thematisiert werden und die Ereignisse für sich sprechen.
Letzte Woche haben wir euch in der Rubrik »Der Woche« ein Fundstück präsentiert, das in aller Deutlichkeit zeigt, welch menschen- und würdeverachtende Formen die bürokratische Praxis fortwährend annimmt. (Ihr findet das entsprechende Video links unter Fundstücke > Der Woche.) Totalitäre Praktiken sind ja eigentlich ein Vorwurf, der immer nur anderen Systemen gemacht wird. Dabei gehört es längst zum bundesdeutschen Alltag, psychischen Druck auf Menschen bis hin zum körperlichen Versagen auszuüben (z.B. auf Arbeitslose, auf Bankangestellte oder auf Kritiker und Kontrolleure), unliebsame Mitmenschen zu überwachen und geheime Akten über sie anzulegen (siehe die jüngsten Überwachungsskandale bei Lidl hier und hier, bei Penny, Plus, Netto und Norma, bei Schlecker, bei der Deutschen Bahn, ...) die eigenen Gesetze und die eigene Verfassung zu missachten, um eigene Machenschaften zu vertuschen (siehe hier und hier) und natürlich, Menschen auszubeuten, und zwar nicht nur in Bezug auf jenen zynischen Betteleuro pro Stunde, sondern ohne jegliches Entgeld - und ohne jede Wahl. Null-Euro-Jobber also. Zwangsarbeit im 21. Jahrhundert.